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Sonja Hefele: Persönliche Anmerkungen zum Tode von Vaclav Havel

Ein Schriftsteller, ein Bürgerrechtler, ein Dissident, ein Präsident der Bürger, ein Europäer der ersten Stunde, ein Staatsmann von Weltrang, ein Held – für mich, wie für viele andere, ein Vorbild! Sein Tod macht traurig. Die hohe Wertschätzung des tschechischen Volkes und aller Staatsmänner spiegelt sich in deren Reaktionen auf seinen Tod wider.

Das erste Mal begegnete ich dem Schriftsteller Václav Havel in seinem Prager Lieblingskaffeehaus „Slavia“. Es muss in den Siebziger Jahren gewesen sein. Ahnungslos schneite ich dort eines Tages herein, um mich aufzuwärmen. Dass sich dort Prager Künstler und Intellektuelle regelmäßig trafen, wusste ich nicht. Havel, Grůša und Co. waren mir damals noch kein Begriff. An einem der hinteren Tische saß eine Gruppe qualmender und munter diskutierender Männer. Aus Langeweile beobachtete ich sie und versuchte was aufzuschnappen. Es ging um allgemeine Unterdrückung der Individuen, die nichtvorhandene Demokratie, und wie man politische Reformen in der Tschechoslowakei einleiten könnte. Einem der Männer – es war Vašík, wie Havel am Tisch genannt wurde – fiel mein Lauschen auf. Die hitzige Debatte wurde sofort eingestellt, die Gespräche wurden leiser. Ich wurde eingeladen, mich zu ihnen zu setzen. Nun sprach man über die jüngsten literarischen Arbeiten der Anwesenden und Nichtanwesenden. Nach etwa einer Viertelstunde verabschiedete ich mich. Ich ahnte nicht, welch interessanter und politisch brisanter Runde ich da kurz beigewohnt hatte. An einen Satz während meines „Lauschangriffs“ kann ich mich erinnern: „Eine Demokratie ist wie ein zartes Pflänzchen, dass man hegen und pflegen muss“. Dieser Satz hat sich mir eingeprägt, er wurde zu einem meiner Leitsätze. Er stammt von Václav Havel.


Meine zweite Begegnung mit ihm war 1997 auf der Hradschin-Treppe. Unsere damalige Artur-Redaktion machte einen Ausflug nach Prag. Dazu gehörte natürlich auch ein Besuch der Prager Burg. Wir gingen zu Fuß nach oben. Zwischen den unzähligen Menschen erblickten wir unerwartet den Präsidenten der Tschechslovakischen Republik und seine Frau Olga. Ohne Bodyguard, scheinbar weitgehend unerkannt und vielleicht deswegen auch gutgelaunt, stiegen die beiden eingehängt die Treppe hinunter. Wolfgang grüßte mit „dobrý den“ und Havel antwortete lächelnd „dobrý den“.

Ein drittes Mal traf ich den Präsidenten während der Vorbereitung meiner ersten grenzüberschreitenden Augsburger Kulturveranstaltung mit dem Thema „Kafka“. Einer der Programmpunkte war eine politische Podiumsdiskussion, zu der unter anderem Herr Bernd Posselt von der Sudetendeutschen Landsmannschaft und Herr Miroslav Kunštát, enger Mitarbeiter des tschechischen Präsidenten, eingeladen waren. Zu Vorgesprächen erhielt ich eine Einladung nach Prag. Unser Termin fand im Büro von Herrn Kunštát auf der Prager Burg statt. Pünktlich erschien ich, wurde am Eingang auf Herz und Nieren geprüft und vor einer der unzähligen Türen in einem nicht enden wollenden Gang mir selbst überlassen. Dort sollte ich warten. Nach geraumer Zeit öffnete sich eine Tür und der Kopf des Präsidenten schaute hervor. Er guckte in beide Richtungen, sah mich und fragte, auf wen ich den warte. Ich war so überrascht, dass ich kaum ein Wort hervorbrachte und stammelte etwas wie „auf meinen Termin“. Havel trat hervor, grüßte, stellte sich vor und entschuldigte die Verspätung seines Mitarbeiters mit den Worten. „Ich bin zwar der Präsident, aber den täglichen Verkehrsstau in Prag kann ich leider nicht verhindern.“ Er lud mich ein, in seinem Büro zu warten und mit ihm zusammen eine Tasse Kaffee trinken. Wie im Rausch betrat ich den Raum. Havel drückte einen Knopf an seinem Telefon, den zweiten, den dritten, nichts passierte. Er meinte: „Sehen Sie, wie wenig Macht ich hier habe? Es findet sich auch keiner, der uns einen Kaffee bringt. Macht nichts, ich bin gewappnet.“ Aus einem Schrank holte er einen Tauchsieder heraus, erhitzte etwas Wasser, löffelte in je eine Tasse gemahlenes Kaffeepulver ein und machte uns eine „Turka“ (Kaffee mit Satz).

Während meiner vielen Aufenthalte zwecks Kulturaustausch zwischen den Partnerstädten  Augsburg und Liberec (Reichenberg) war ich Gast bei einer sich jährlich wiederholenden Weihnachtsauktion zu Gunsten von Sozialschwachen, die der Ex-Primator Jiří Kittner ins Leben gerufen hatte. Damals, 2008, wurden Prominente aufgerufen, eine Zeichnung mit Signatur zur Verfügung zu stellen. Der Ex-Präsident, Václav Havel, ließ sich nicht zweimal bitten, fertigte sofort die oben abgebildete Zeichnung an und schickte sie nach Liberec. Ich wollte diese Zeichnung unbedingt ersteigern. Mein „Gegenspieler“ war der Primator selbst. Ich konnte bieten, so viel ich wollte, Kittner hat überboten. Frustriert gab ich auf. Nach der Versteigerung, im privaten Kreis, bekam ich Havels Zeichnung als persönliches Geschenk von Jiří überreicht. Seither hing das „Blattl“ an unserer Kühlschranktür. Heute haben wir beschlossen, es einzurahmen.

 

 

Sonja Hefele


Prag, 18. Dezember (AFP/nd) - Der frühere tschechische Präsident Vaclav Havel ist tot. Er starb nach Angaben seiner Sprecherin Sabina Tancevova am frühen Sonntagmorgen nach langer Krankheit im Alter von 75 Jahren. Havel hatte seit vielen Jahren mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen und war zuletzt nur noch selten öffentlich aufgetreten.